Ich sah den Film „Million Dollar Hotel“ von Wim Wenders und war am Wegdämmern, denn es war schon zehn Minuten nach Beginn des Films.

Max Goldt: Für Nächte am offenen Fenster, Reinbek 2003 (4. Auflage 2005), S. 120

 

Wenders’ Kurzfilme

Seit Wim Wenders in Cannes die Goldene Palme gewonnen hat, hält man ihn hierzulande für einen der größten lebenden Regisseure. Seit er auch noch einen Film gedreht hat, der irgendetwas mit Berlin zu tun hatte (und von dem ich nur noch weiß, daß ich im Kino mit meiner Freundin immer an den falschen Stellen lachte), ist er der Held der deutschen Hauptstadt. Höchste Zeit, einmal zu gucken, wie diese erstaunliche Karriere begann: Da schleppt sich ein Mann, dessen Kopf wir nicht sehen, offenbar angeschossen eine endlose Straße entlang, fünfmal dieselbe Szene (Same Player Shoots Again); da wird zu Plattenmusik und einigen vom Meister hingenuschelten Worten aus Autos heraus deutsche Vorstadttristesse gefilmt, endlos, ohne Inhalt (3 amerikanische LPs); da beobachten wir 25 Minuten lang tonlos Großstadtstraßenkreuzungen in der Dämmerung (natürlich passiert auch in Silver City nichts). 

Die einzige Ausnahme bilden die zwei (zusammenhängenden) Episoden, die WW 1974 für eine Vorabendserie gedreht hat: Hübsche Beispiele für das (WDR-) Reformfernsehen der Brandt-Ära, in denen gefühlskalten Mittelschichtseltern behutsam die Vorzüge antiautoritärer Erziehung nahegebracht werden. Aber diese Streifen hat Wenders eben auch nur inszeniert, da hat kein Peter Handke das Drehbuch geschrieben und erinnert nur gelegentliches Gitarrengeklimper von Arpad Bondy an den Regisseur. Ansonsten bestätigen Wenders’ Kurzfilme die alte These, daß sich in den frühen Werken eines Filmemachers schon zeigt, was einmal aus ihm werden wird. In diesem Fall: die größte Lusche des deutschen Films.

 

 

Ja, so kecke Texte durfte man dereinst – in diesem Falle 1991 – nicht nur schreiben, sie wurden sogar gedruckt. Doch, doch, so unglaublich das heute auch scheint, wo die Filmkritik in Deutschland nahezu ausgerot- – ich meine natürlich: den höchsten Stand aller Zeiten erreicht hat. Ein Niveau, um das uns die ganze Welt beneidet. Ganz so wie die deutsche Filmproduktion.